Geschichten aus Hattenhofen

Ein Geschenk

Er kam aus Somaliland, einem kleinen Dorf ohne Behörden, ohne Schule. Aber mit strengen Regeln. Und da er ein Mädchen vom falschen Clan mochte, misshandelten ihn seine Eltern. Die beiden jungen Menschen flohen. Landeten in Libyen, in Bani Walid. Nein, suchen Sie den Namen nicht im Internet, wenn Sie ruhig schlafen wollen. Nach fast einem Jahr Zwangsarbeit im Steinbruch gelangte er 2017 nach Deutschland, in unser Dorf. Seine Freundin? Fragen Sie nicht, wohin sie mit anderen Mädchen abtransportiert wurde.

Er war Analphabet. Bess, eine ehemalige Lehrerin, unterrichtete ihn. Wollte man ihn besuchen, saß er in einer Ecke der Küche und lernte und lernte. Einer seiner drei Zimmergenossen übersetzte manchmal, denn er konnte ja weder Deutsch noch Englisch. Zum Asyl-Interview durfte ich ihn begleiten, und da erfuhr ich das ganze Ausmaß seines Alleineseins in dieser Welt. Er gewann eine Spur Vertrauen zu Bess und mir. Aber dann wurde er weiter verlegt, in die nächste Stadt. Und dann noch weiter…

Wir hielten WhatsApp- Kontakt. Welches Glück, als statt einer Sprachnachricht die erste geschriebene Nachricht kam! Er ging in die Schule, VABO, und saugte alles Wissen auf wie ein Schwamm. Wie neu war hier alles!

Dann hörte ich, dass Bess 70. Geburtstag hatte. Ich fragte: „Willst du ihr eine Karte schreiben?“ Aber wie? „Und was ist, wenn ich ihr ein Geschenk gebe?“ Ich riet ihm zu Schokolade und einer Karte. Dann bekam ich ein Video: „Ich bin im Müller“ und ein endloses Regal mit Karten. Aber er schaffte es! Eine Karte zum 70. Geburtstag. Aber die Briefmarke! „Sie ist so klein!“ Und dann der Hilferuf: „Was mache ich, wie man ein Geschenk richtig vorbereitet?“

„Heute ist mein erster Tag, an dem ich jemandem ein Geschenk mache.“

Ich glaube, selbst mein Smartphone war so berührt, dass es zitterte.

Mir wurde bewusst, was diese Handlung für ihn bedeutete. Ich bat ihn, zu mir zu kommen. Er schrieb sich alles auf, die Anrede, den Text, den Gruß, die Gestaltung des Briefumschlags, das Aufkleben der so kleinen Briefmarke, das Verpacken der Schokolade. Der ganze Mensch strahlte.

Er war so glücklich darüber, anderen eine Freude bereiten zu können. 

Er besorgte sich Papier und Band, um seinem Freund zum Geburtstag ein Päckchen zu schenken. Und jetzt hat er allen Lehrern zu Weihnachten eine Karte geschrieben. „Ich und mein Freund gaben die Karten. Sie waren mit den Karten zufrieden.“ Und ein Smiley folgte. 

So beginnt Integration.

Marianne Fuchs

Geschichten und Gerüchte

Was kursieren doch für „Geschichten“ über Flüchtlinge!

Nein, sie bekommen kein Handy gestellt! Das müssen sie sich selber kaufen. Das ist die einzige Verbindungsmöglichkeit zu ihren Familien, also kein Luxus!

Nein, sie haben keine freie Fahrt im Landkreis Göppingen! Aber wir sind sehr froh, dass sie seit einiger Zeit ein Sozialticket für 30€ im Monat kaufen können, wie die Bezieher von Hartz IV- Leistungen auch.

Nein, sie bekommen keinen Anwalt umsonst! Wenn ein Asylbewerber nach seiner Anhörung abgelehnt wird, kann Klage erhoben werden, die Anwaltskosten müssen aber von den Asylbewerbern aufgebracht werden, zwischen 500€ und 1400€ pro Fall, in Raten von 50€ monatlich. Das ist natürlich ein harter Brocken. Eine Spende der Kirchengemeinden und das Opfer bei Friedensgebeten konnten ein klein wenig helfen.

Nein, sie können nicht mal schnell heiraten, um sich ein Bleiberecht zu erwerben. Wir erleben es an einem Togolesen, der seit Frühjahr 2018 eine deutsche Frau heiraten will. Es mussten fünf Papiere aus Togo beschafft werden, für einige hundert Euro. Beglaubigungen, Dolmetscher… Ende April 2020 konnten sie schließlich heiraten. Aber - er lebt in Göppingen, sie in Bayern. Die „Grenzprobleme“ waren nach fast einem Jahr im März 2021 (!) behoben - er durfte nach Bayern ziehen! Die Aufenthaltserlaubnis hat er jetzt beantragen können… Also nichts mit „schnell mal heiraten“!

Nein, kein Familiennachzug! Eine afghanische Familie wurde bei der Flucht im Iran getrennt. Der alte Vater kam mit drei jugendlichen Kindern nach Göppingen, die Mutter mit der anderen Schwester war lange verschollen. Nun ist sie in Pakistan aufgetaucht. Familiennachzug? Die Schwester ist über 18, null Chance. Die Mutter müsste Deutsch lernen (Wo? Wie?), der Vater (70 Jahre) lebt von Sozialleistungen, aber die beiden Söhne arbeiten und die Tochter macht eine Ausbildung. Ich musste ihnen sagen, dass die Mutter keine Chance hat, zu ihrem Mann und den drei Kindern nach Deutschland zu kommen.

Nein, sie sind nicht faul! Besonders die Afghanen wollen sofort arbeiten, was oft gelingt. Dann kommt der Deutschkurs, weshalb Abstriche bei der Arbeitszeit gemacht werden müssen. Und wenn eine Ablehnung kommt, wird die Arbeitserlaubnis in der Regel entzogen. Obwohl Abschiebungen aus Baden-Württemberg nach Afghanistan selten sind. Es ist nicht einzusehen, dass diese willigen jungen Männer zuhause herumsitzen müssen, mit all ihren Ängsten. Und mit dem Vorwurf, sie seien Schmarotzer.

Ja, sie brauchen Identitätspapiere. Gambier müssten diese in Gambia selbst besorgen. (Geht’s noch?) Afghanen fahren zur Botschaft in München, bekommen vielleicht mal einen Termin, brauchen in Kabul Vertraute oder einen Anwalt. Das kostet auch wieder einige hundert Euro und einige Monate Zeit. Und nach der Geburtsurkunde muss noch ein Pass besorgt werden. Der Nigerianer muss nach Berlin zur Botschaft…

Sie verstehen vielleicht, dass wir als Freundeskreis bemüht sind, ein wenig Unterstützung zu leisten.

                                                                                                   Marianne Fuchs